Yoga Weisheit leben

Eckard Wolz-Gottwald leitete am 20. und 21. Mai 2017 in Wien ein Seminar zum Thema „Yoga Weisheit leben“ abhalten. Einem breiteren Publikum wurde er durch die Herausgabe des Yoga-Philosophie Atlas bekannt. Dr. phil. Eckard Wolz-Gottwald lehrt Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Münster sowie in Yoga-Lehrausbildungen verschiedener Yoga-Schulen im deutschsprachigen Raum. Zusammen mit Angelika Beßler gründete er 2012 die BDY-Yogaausbildungsschule „Yoga-Akademie Münster-Osnabrück“.

Zur Einstimmung und Erklärung, wie praktisch und lebendig Yoga-Philosophie im Unterricht vermittelt werden kann, sandte uns Eckard Wolz-Gottwald diesen Text. Viel Vergnügen!

Wege zu einer philosophischen Übungspraxis

Philosophie im Yoga-Unterricht – aber wie? Philosophie gilt oft als theoretisch und lebensfern, dazu noch als kompliziert und schwer. Dies muss bei der Philosophie des Yoga jedoch keineswegs so sein.

Jñana-Yoga – Yoga-Philosophie als Übungsweg
So wichtig die Theorien der Yoga-Philosophie auch sind, so bilden sie doch nur die Oberfläche, die äußere Schale der Yoga-Philosophie. Yoga-Philosophie im ursprünglichen Sinn gibt sich mit der Schale nicht zufrieden. Sie will auch die Frucht. Yoga-Philosophie im ursprünglichen Sinn bedeutet den Übungsweg des Jñana-Yoga. (Sanskrit: jñana (m.) – Wissen, Erkenntnis, Weisheit). Theorien bilden hier nur den Ausgangspunkt, von dem aus es in die Tiefen der eigenen Erfahrung durchzu­brechen gilt. Das Fruchtfleisch der Yoga-Philosophie ist in uns selbst zu finden, so dass die Einsichten der Philosophie des Yoga unser Leben verändern werden. Yoga-Philosophie beginnt zu schmecken. Yoga-Philosophie wird zur Übung der Bewusstseins­schulung.
Yoga-Philosophie als Übungspraxis kann als ein Glied in dem großen Netzwerk der Yogaübungen angesehen werden. Uns ist mit diesem Netzwerk ein breites Spektrum an Möglichkeiten an die Hand gegeben, das es zu nutzen gilt. Die verschiedenen Übungswege des Yoga vermögen sich wech­sel­seitig zu unterstützen, um ihr volles Potential zu entfalten. Die Körper- und Atem­übun­gen werden den Yoga-Philosophen erden. Und um­ge­kehrt können wir durch das Üben der Yoga-Philosophie die Körper­praxis intensivieren. Gerade in der wechselseitigen Befruch­tung und Förderung der verschiedenen Übungsformen liegt die große Chance, die uns die Vielfalt des Yoga aufzeigt. Es wächst die Klarheit dar­über, was die Körper­praxis bezwecken soll. Wir können besser beurteilen, ob wir uns bei unserem Üben auf dem richti­gen Weg oder auf einem Abweg befinden, ob die gewählte Praxis die für uns geeignete ist oder ob eine andere Übungs­form gewählt wer­den sollte. Yoga-Philosophie hilft, den Sinn der eigenen Yogapraxis zu erfahren, zu erkennen, was Yoga ursprünglich ist und was Yoga will.

Vom Bodenkreisen zum Aufstieg auf den Yoga-Berg
Yoga-Philosophie im Sinne des Jñana-Yoga zu üben kann man sich vorstellen als die Vorbereitung, die Hilfsmittel und vielleicht auch die Weg­zeh­rung für den Aufstieg auf den Berg des Yoga. Das Verstehen der Theo­rien verlangt mitunter Anstrengung und ein umfas­sendes Studium. Yoga-Theorien beeindrucken in ihrer Kom­plexität und Präg­nanz. Theoretisches Wissen über Yoga kann Halt und Festigkeit geben. Je mehr Wissen wir ansam­meln, desto mehr können wir auch festen Boden unter unseren Füßen gewinnen.
Alles Nachdenken und alle Theorien über Yoga sind jedoch nur wie das vorbereitende Kreisen um den Berg, den wir ei­gent­­lich besteigen sollten. Komplizierte Theorien gehen dabei kom­plizierte Wege, einfache Theorien machen es sich etwas leichter. Immer jedoch verbleibt man noch am Boden, am Fuße des Ber­ges. Manche Yoga-Theoretiker wissen sogar gar nicht, dass es so etwas wie einen Berg gibt. Andere mei­nen, schon weit auf den Berg hinaufgestiegen zu sein, und deuten ihr Bodenkreisen als das Klettern zum Gipfel. Bei aller Bewegung, die sie verursachen, sind die Theorien es jedoch nicht, die zum Auf­stieg führen. Ob kompliziert, abstrakt oder einfach – immer verbleibt man beim Theoretisieren noch am Boden, am Fuße des Ber­ges.
Aber wann geschieht nun endlich der Aufstieg auf den Berg des Yoga? Aufsteigen heißt, das Wissen über Yoga auf uns selbst anzuwenden, den Weg des Wandels und der Transfor­mation selbst zu gehen. Yoga-Philosophie wird zur Übung, wenn nicht nur die Einsicht über den Yoga, sondern die Einsicht über uns selbst wächst. Wir lernen so nicht nur etwas über die Upanishads, die Bhagavadgita oder Patañjali, sondern auch über uns selbst. Yoga-Philosophie als Übungsweg will persönlich betreffen, so dass wir unser verschüttetes Weisheitspotential zu entdecken lernen. Auf den Berg des Yoga hinaufsteigen heißt: sich selbst verwandeln. Und wir verwan­deln uns, wenn sich die Verspannungen, Unbewusstheiten und Getriebenheiten lösen und so Klarheit über unser wahres Selbst zu wachsen beginnt.
Dabei kann der Aufstieg der Yoga-Philo­sophie durchaus auch schwer sein. Er muss es aber nicht. Die einen lassen sich von ein­fachen Geschichten der Yoga-Philo­sophie inspirieren. Andere lieben die denkerische Herausforde­rung und werden eher durch die schwer zu verstehenden, abstrakten For­mu­lie­rungen der großen Texte der Yoga-Tradition angesprochen. Das einzig Wich­tige ist, sich durch die Beschäftigung mit Yoga-Philosophie verändern zu lassen, so dass Bewusstheit und Ein­sicht wächst.
Gerade bei Schülerinnen, die eine inzwischen langjährige Yogapraxis im Sinne von Körper- und Atemübungen vorweisen, entsteht immer mehr das Bedürfnis, sich jetzt auch mit Yoga-Philosophie zu beschäftigen. Selten richtet sich dieses Bedürfnis allerdings auf theoretische Fragestellungen. Erfahrenen Schülerinnen geht es darum, ihre Yogapraxis zu vertiefen. Hierfür erweist sich die philosophische Praxis des Jñana-Yoga als ideal. Kürzere philosophische Übungen können dann durchaus schon in den normalen Unterricht im Kursformat integriert werden

Yoga-Philosophie im laufenden Kurs

Reflexion über die Erfahrung mit der Übung
Wer beginnen will, Yoga-Philosophie zu unterrichten, sollte mit kleinen Einheiten von 10 Minuten am besten am Ende des Unterrichts anfangen. Ein erster Reflexionsprozess über den eigenen Yoga-Weg kann mit Fragen eingeleitet werden wie
• Warum üben Sie Yoga?
• Welche Wirkungen erfahren Sie durch die Yoga-Übungen?
Ohne das Wort Philosophie überhaupt in den Mund genommen zu haben, sind wir mit der Reflexion über die eigenen Erfahrungen schon mitten im philosophischen Geschehen. Anregungen zur richtigen Beurteilung und Einordnung der Erfahrung durch die Kursleitung können dazu wichtige Hilfestellungen geben.

Klärung philosophischer Fragen
Auch für die Reflexion über wichtige Fragen der Yoga-Philosophie reichen zunächst durchaus 10 Minuten einer Kursstunde aus, insbesondere dann, wenn 10 Minuteneinheiten immer wieder eingeschoben werden. Hier können Reflexionseinheiten mit folgenden Fragen initiiert werden:
• Wie erfahren Sie den Unterschied Ihrer Yoga-Praxis zu Übungen der Gymnastik?
• Erfahren Sie Wirkungen der Körperpraxis über den Körper hinaus? Welche Wirkungen sind dies?
• Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, dass Yoga Ihren Alltag und Ihr Leben verändert?
Erklärende Vorträge mit theoretischen Antworten bilden dabei immer die kleinere Lösung. Viel fruchtbarer wird es sein, praktisch zu arbeiten, auf den Erfahrungen der KursteilnehmerInnen aufzubauen und all diese Fragen in gemeinsamem Gespräch zu einer vertieften Klärung zu bringen.

Das Üben mit Geschichten, Texten und Lehren
Die eigene Erfahrung und ihre Kultivierung werden immer die Grundlage der Yoga-Philosophie als Übungspraxis bilden. Dies schließt jedoch nicht aus, dass wir Anregungen von außen gewinnbringend nützen können. Bewährt hat sich zum Beispiel das Erzählen einer spirituellen Anekdote, die den tieferen Sinn des Weges mit der Lebensfreude und dem Humor des Yoga zu verbinden versteht.[1] Aber auch ein Vers aus den klassischen oder modernen Texten der Yoga-Philosophie, vorgelesen oder noch besser auf einer Kopie abgedruckt, kann Verwendung finden.[2] So können wichtige Impulse für kurze Reflexionen oder ein interessantes Gespräch gegeben werden. In dieser Weise wird allmählich das Interesse mancher KursteilnehmerInnen an philosophischer Reflexion weiter wachsen, gleichzeitig aber auch die Sicherheit der Kursleitung im Umgang mit philosophischen Themen. Philosophie im 10-Minuten-Pack wird jedoch irgendwann an ihre Grenzen stoßen.

Vom Philosophie-Nachmittag zum Yoga-Philosophie-Glühwein-Abend
Gerade für LeiterInnen mehrerer Gruppen erscheint es dann überlegenswert, für die besonders Interessierten Sonderseminare Yoga-Philosophie außerhalb des wöchentlichen Yogakurses anzubieten. In Seminaren zur ‚Philosophie und Praxis des Yoga‘ an einem Nachmittag, als Ganztagesworkshop oder vielleicht sogar an einem Wochenende können größere Philosophieeinheiten integriert werden. Aber auch spezielle Formate sind möglich, wie ein ‚Yoga-Philosophie-Brunch‘ am Samstag- oder Sonntag-Vormittag, zu dem die Teilnehmerinnen für ein Büffet etwas Leckereres mitbringen können. Wenn jetzt die kalten Tage des Winters vor der Türe stehen, bietet sich auch ein ‚Yoga-Philosophie-Glühwein-Abend‘ an. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Hier wird es möglich, sich mehr Zeit zu gönnen und intensiver ins Gespräch zu kommen. Es können längere Texte besprochen werden, Themen sind umfassender zu erarbeiten. Die Teilnehmerinnen können auf dem Übungsweg des Yoga weiter fortschreiten und konkret erfahren, wie fruchtbar Jñana-Yoga im Sinne einer philosophischen Übungspraxis für das Fortschreiten auf dem Yogaweg sein kann.

[1] Als Fundgrube für spirituelle Geschichten sind vor allem die Bücher von Anthony de Mello zu empfehlen wie zum Beispiel: Anthony de Mello: Der springende Punkt. Wach werden und glücklich sein, Herder spectrum, Freiburg u.a. 2015.
[2] Anregungen zum Üben können entnommen werden aus: Eckard Wolz-Gottwald: Yoga-Weisheit leben. Philosophische Übungen für die Praxis, Verlag Via Nova, Petersberg 2013 (2. Aufl.) und Ders.: Die Yoga-Sutras im Alltag leben. Die philosophische Praxis des Patanjali, Verlag Via Nova 2014.

Wolz-Gottwald, Yoga Philosophie

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