Adaptives Yoga

Birgit Huber ist spezialisiert auf „Adaptives Yoga“ bzw. „Yoga für Menschen mit Einschränkungen“. 2018 gab es in Bregenz die Möglichkeit, in einem BYO-Fortbildungsworkshop diese Methode kennenzulernen. Dabei wurde Birgit Huber von Schülern aus ihrem Kurs „Yoga für Menschen mit Einschränkungen“ begleitet, die auf den Rollstuhl angewiesen sind. Auf diese Weise konnten die TeilnehmerInnen des Workshops direkt mit ihnen gemeinsam praktizieren und von ihnen lernen.

Für Interessierte an dieser Weiterbildung hatte uns Birgit Huber damals vorab folgenden Text geschickt:

Adaptives Yoga – sich trotz gesundheitlicher Einschränkungen befreit und vollständig fühlen

Tina ist 48 Jahre alt. Als Jugendliche musste sie ein Korsett tragen, ihre Wirbelsäule war von Geburt an verkrümmt. Mit 20 wurde ein gutartiger Tumor im Rückenmark auf der Höhe der Brustwirbelsäule diagnostiziert. Er konnte teilweise entfernt werden, doch seitdem ist Tina auf den Rollstuhl angewiesen. Als sie im Yogaunterricht zum ersten Mal auf dem Boden sitzt, mit aufgerichtetem Rücken, gegrätschten Beinen und weit ausgebreiteten Armen, ist es für sie eine Befreiung. Jahrelang hatte sie ihre Beine im Rollstuhl nur geschlossen nebeneinander aufgestellt, war auf diese Haltung eingeschränkt. Jetzt praktiziert sie eine Variation der Yogastellung „Upavistha Konasana“, lernt sich und ihren Körper in diesem Moment unbehindert kennen und kann es kaum fassen. Bevor Tina begann, eine Yogagruppe für Menschen mit Einschränkungen zu besuchen, konnte sie sich nicht einmal theoretisch vorstellen, dass sie einmal Yogahaltungen praktizieren könnte. In ihren Augen war Yoga etwas für gesunde Körper, für Menschen, die mühelos fortgeschrittene Asanas einnehmen können.

Adaptives Yoga ist hilfreich – auch bei schwerwiegenden Erkrankungen

Was ermöglicht es auch Menschen, die gesundheitlich schwer eingeschränkt sind, sich im Yoga als vollständig zu erfahren, sich befreit zu fühlen? Matthew Sanford weiß das aus eigenem Erleben. Als ich in den USA an seinem Zertifikatskurs teilnehme, sitzt er bereits selbst seit Jahrzehnten querschnittsgelähmt im Rollstuhl. Er ist der wohl bekannteste Yogalehrer für Menschen mit Einschränkungen. Die Übungspraxis, die er entwickelt hat, nennt er nicht „Yoga bei Einschränkungen“, sondern „open yoga“ und „adaptive yoga“. Das heißt: Yoga, das zugänglich ist für alle, Yoga, das individuell an die Bedürfnisse jedes Einzelnen angepasst ist. Egal, wie schwerwiegend die gesundheitlichen Einschränkungen sind.
In den USA wird das Bewusstsein dafür, wie wichtig „adaptive yoga“ ist, zunehmend größer. Dort ist „adaptives Yoga“, – so meine Übersetzung ins Deutsche – eine spezifische Form von Yogaunterricht und wird bei spezialisierten Fachleuten gezielt gelernt und geübt. Gruppen, in denen ausschließlich gesundheitlich stark eingeschränkte Menschen miteinander Yoga praktizieren, z. B. Blinde oder Menschen im Rollstuhl, müssen außerdem klein sein. Bei mehr als sechs Teilnehmern wird in der Regel eine Assistenzperson eingesetzt.
Im deutschsprachigen Raum haben zahlreiche medizinische Studien dazu geführt, dass das Bewusstsein dafür, wie heilsam und unterstützend Yoga bei Krankheiten sein kann, gestiegen ist. In Deutschland wird Yoga mittlerweile auf ärztliche Anweisung als therapeutische Maßnahme unter anderem bei folgenden Erkrankungen eingesetzt: koronare Herzkrankheit, Diabetes Mellitus, Asthma Bronchiale, chronisch-degenerative Rückenschmerzen, Schmerzsyndrome, leichte und mittelschwere psychische Erkrankungen, Multiple Sklerose, Süchte sowie onkologische Erkrankungen. Yoga wird inzwischen für alle Altersstufen zunehmend attraktiv. Daher sind immer mehr Yogalehrerinnen und -lehrer damit konfrontiert, dass in ihre Gruppen und Studios auch Menschen mit ganz unterschiedlichen Bedürfnissen und Krankheitsbildern kommen. Yogalehrende müssen daher dringend darüber Bescheid wissen, welche Übungen im Einzelfall nützen und welche Übungen sogar schaden können. Sie müssen sich klar darüber sein, wie die einzelnen Asanas in sich aufgebaut sind und wie sie diese, unter anderem auch mit Hilfsmitteln (Blöcke, Gurte, Sandsäcke u.ä.), für jeden Einzelfall gezielt anpassen können. Eine spezifische Aus- und Weiterbildung dafür gibt es in Österreich jedoch leider noch kaum. Dabei ist der Bedarf groß. Nur ein Beispiel: Bei Multiple Sklerose kann die spezielle Abfolge von Dehnung und Bewegung eine Verringerung vorhandener Spastiken bewirken. Kräftigungs- und Dehnungsübungen wirken gegen Paresen und Ataxie, Atmungs- und Entspannungstechniken können Fatigue positiv beeinflussen.

Äußerlich eingeschränkt, innerlich vollständig

Das ist noch nicht alles. Die Sicht eines Yogalehrenden, der in adaptivem Yoga ausgebildet ist, reicht hinaus über Krankheitssymptome und den Versuch, diese zu verringern. Adaptives Yoga führt hin dazu, den inneren Körper als heil und ganz zu erleben und sich mit dem physischen Körper trotz gesundheitlicher Einschränkungen verbunden zu fühlen, selbst wenn diese schwerwiegend sind. Adaptives Yoga ist somit gelebte Selbstfürsorge. Denn das Ziel von Selbstfürsorge ist ein authentischer und ausbalancierter Umgang mit dem eigenen Selbst. Es geht um ein In-sich-hineinhören, um geduldig und mitfühlend mit sich selbst sein. Selbstfürsorge ist ein Prozess, in dem man herausfindet, was einem selbst gut tut. Dies ist umso nötiger, wenn der eigene Körper als Quelle von Einschränkung oder sogar Schmerzen erfahren wird, wie es bei schwerwiegenderen Erkrankungen oder dauerhaften Behinderungen der Fall ist.

Adaptives Yoga macht den inneren Körper spürbar. Dieser ist unabhängig von physischen Fähigkeiten. So können sich im adaptiven Yoga sogar Menschen körperlich geerdet fühlen, die ihre Füße und Beine physisch nicht mehr bewegen und nicht mehr spüren können, weil sie z.B. querschnittsgelähmt sind oder einen Schlaganfall hatten. Als Lehrende für adaptives Yoga können wir unsere Schüler in diesen Zustand hineinführen. Das, was ich selbst anfangs nicht für möglich hielt, betätigte mir unter anderem Jeff. Er ist einer von Matthew Sanfords Yogaschülern, den ich im Zertifikatskurs kennenlernen durfte. Nach einem schweren Unfall verkrampfen sich seine Arme und Beine oft und unwillkürlich. Die gemeinsame Yogastunde ist für ihn „out of the box time“ – die Zeit, wo er sich weder in seinem physischen Körper eingesperrt noch von ihm abgeschnitten fühlt.
Adaptives Yoga ist ein wunderbares Wagnis: Beide, LehrerInnen und SchülerInnen, müssen sich darin einig sein, sich gemeinsam in einen völlig unbekannten Raum zu begeben. Und beide werden dabei gemeinsam erstaunt und beschenkt.

Dr. Birgit Huber

Zur Person:

Birgit Huber promovierte in Ethnologie und ist Yogalehrerin BYO/EYU. Seit 2006 unterrichtet sie Yoga und ist spezialisiert auf „Adaptives Yoga“/„Yoga für Menschen mit Einschränkungen“. Sie ist „Accessible Yoga Ambassador“ und hat zertifizierte Yogaaus- und Weiterbildungen in diesem Bereich bei Jivana Heyman (San Francisco) und Matthew Sanford (Minnesota) sowie Weiterbildung im Bereich Pranayama und Meditation bei Dr. Shrikrishna Bhusan Tengshe gemacht. Außerdem ist sie Übungsleiterin für Rollator-Training und OTAGO-Trainerin für Sturzprophylaxe, und hat sich auch im Bereich Menschen mit Demenz weitergebildet („moment! motorisches + mentales Training“, Ausbildung zur Validationsanwenderin nach Naomi Feil).

Adaptives Yoga, Birgit Huber, Rollstuhl

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