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Die Kunst der Ausrichtung

Peter Greve, in Bonn praktizierender Yogalehrer BDYoga/EYU und Physiotherapeut, wird von 25. – 27. September in Wien ein Seminar zum Thema: „Die Kunst der Ausrichtung: Alignment und „Hands-on“-Hilfestellungen im Yoga“ leiten. Alexandra Eichenauer-Knoll hatte bei seinem letzten Seminar in Wien das Thema angeregt, weil sie selbst einen großen Respekt vor Korrekturen hat. Deshalb stellte sie Peter Greve vorab ein paar Fragen, die sie gerne mit euch teilen möchte:

 

Alexandra: Lieber Peter, man hat mir gesagt, Hands-On ist eines deiner Lieblingsthemen. Du beschreibst es als eine yogische Fertigkeit, um erwünschte Wirkungen zu erzielen und schädigende Effekte zu vermeiden. Nun gibt es aber viele Yogakurse, wo die Lehrenden kaum die Matte verlassen und sehr verinnerlicht geübt wird. Fehlt dort also etwas? Oder ist es ein anderer Weg, ein anderes Yoga?

Peter Greve: Hm, das ist eine gute Frage, fehlt dann etwas? Es gibt viele Wege, die zum Ziel führen. Es muss ja nicht direkt ein anderes Yoga sein, es kann dasselbe Yoga sein. Es ist jedoch insofern ein anderes Yoga, als dass durch das Verwenden von Hands-On-Techniken es möglich wird, den Übenden etwas zu vermitteln, was ihnen ohne diese Technik nicht offensteht. Es fehlt nicht zwangsläufig etwas, wenn keine Hilfestellung geleistet wird; als Yogalehrende nutzen wir einfach ein großes Spektrum an pädagogischen „Werkzeugen“ um unsere Botschaft zu vermitteln. Alles hat seine Berechtigung. Es ist gewissermaßen ein Spektrum des Unterrichtens: ohne Hands-On spielt die Sprache eine größere Rolle und Worte können sicherlich ganz viel bewirken und transportieren. Das Vermitteln von Yoga mithilfe von Hands-On-Techniken kann am Ende des Spektrums sogar ganz ohne Worte auskommen. Hier sprechen die Hände. Für mich ist es am schönsten, wenn sich Hilfestellungen und Worte gegenseitig ergänzen.

An unserem Seminarwochenende wirst du uns unterschiedliche Hands-On Techniken an einer Vielzahl von Haltungen und Bewegungen vermitteln. Aus welchen Traditionen speisen sich diese Techniken oder hast du sie selbst entwickelt/weiterentwickelt?

Ich lernte in den ersten Jahren meines Yogawegs in der Mysore-Tradition des Ashtanga-Vinyasa-Yoga nach Pattabhi Jois und Krishnamacharya, wo Hands-On selbstverständlich war. Da jede und jeder im eigenen Tempo und auf individuellem Level praktizierte, bot sich Hands-On einfach an. Ich habe Adjustments als Schüler selbst erfahren und kann so aus dieser Erfahrung schöpfen. Was ich erlebt habe, hat mich sehr beeinflusst, im positiven wie im negativen Sinne. Viele der damaligen Hilfestellungen und Korrekturen haben mir sehr weitergeholfen, waren aber zugleich zu grob und sie möchte ich so heute nicht mehr anwenden. Daher kann ich sagen, dass ich die meisten Hilfestellungen und Korrekturen modifiziert und weiterentwickelt habe. Viele der Techniken und Hilfestellungen habe ich aber auch im Austausch mit anderen Unterrichtenden gelernt. Andere sind mir spontan im kreativen Prozess gekommen. Häufig entsteht aus dem Machen heraus etwas Neues. Auch aus meiner Arbeit als Manualtherapeut und Physiotherapeut – Physiotherapie ist ja gewissermaßen auch ein „Handwerk“ oder „Handarbeit 😊 – sind Ideen mit eingeflossen

Spannend finde ich zudem, dass Hilfestellungen nicht allein mit den Händen gegeben werden können, sondern wir werden auch üben, unseren ganzen Körper einzusetzen.

Bei alledem sollte nach meiner Überzeugung jegliches Unterrichten immer wertschätzend und auf Augenhöhe erfolgen, ohne Machtgefälle.

Unterrichtest du denn heute noch Ashtanga-vinyasa-Yoga?

Nein, ich unterrichte heute stilunabhängig. Über die Jahre habe ich viele verschiedene Yogarichtungen und sehr inspirierende Yogalehrerinnen und Yogalehrer kennengelernt, und denke, dass es wunderbar ist, aus alledem schöpfen zu können. Das Yoga, das ich heute praktiziere und unterrichte würde ich als ruhig und kraftvoll zugleich beschreiben. Gesundheitsförderliche und therapeutische Aspekte spielen für mich bei der Gestaltung der Yogapraxis eine sehr große Rolle.

Wie sehr spielt die Psychologie in das Thema hinein. Es gibt Yogaschüler, die sind Korrektur gewöhnt, erwarten diese vielleicht sogar, andere wollen einfach in Ruhe gelassen werden, fühlen sich vielleicht bloßgestellt. Wie kann man da vorgehen?

An erster Stelle steht immer die Einwilligung der Yogaübenden und Hilfestellungen sollten immer als wertschätzend erlebt werden. Nach meiner Erfahrung kommt es sehr selten vor, dass Praktizierende nicht unterstützt werden möchten. Wenn doch, dann hat man das selbstverständlich zu respektieren. Letztendlich ist entscheidend, dass man Vertrauen schafft, das heißt, wenn ein Schüler Hands-On nicht gewohnt ist, würde man diese Person nicht damit überschütten, sondern behutsam vorgehen. Wichtig ist, zu vermitteln, dass du als Person ok bist, dass es beim Hands-On nicht um „richtig“ oder „falsch“ geht. Und hilfreich ist es, die Aufmerksamkeit auf alle Teilnehmenden gleichmäßig zu verteilen, so fühlt sich keine und keiner hervorgehoben.

Ich selbst habe ja das Thema nach deinem letzten Seminar in Wien angeregt und werde auch bei deinem Seminar dabei sein. Denn ich fühle mich ehrlich gesagt ziemlich überfordert bei der Korrektur. Ich versuche daher über den Umweg der Sprache Anregungen zu geben, das Richtige spüren zu lernen: z.B. stehe ich mit gerundetem oder geradem Rücken da? Und es gibt ja auch viele wunderbare Ansagen. Was kann mit Sprache, was nur mit Hands-On gelöst werden?

Ich freue mich, dass du beim Seminar dabei sein wirst und Lust hast, mehr über Hands-On-Techniken zu lernen. Das Gefühl von Überforderung kann ich gut verstehen. Ich hoffe und bin sehr zuversichtlich, dass alle TeilnehmerInnen mithilfe des Seminars mehr Sicherheit finden werden, selbst Hands-On-Techniken in ihrem Unterricht anzuwenden.

Für mich ist das Wunderbare am Hands-On, dass man damit Menschen unterstützen kann, sich in einem Asana tiefer zu spüren. Praktizierende berichten immer wieder, dass sie aufgrund des Hands-On ein Asana ganz neu erfahren und ihren Körper anders spüren – eine Form der Selbsterfahrung über das Leibliche. Es lassen sich zudem erwünschte Effekte verstärken, was sehr wertvoll ist und es lassen sich Asanas erlernen, die man ohne Hilfestellung nicht machen könnte, also ein ermöglichen von etwas, das nicht möglich scheint. Ich denke da zum Beispiel an Asanas wie den Unterarmstand oder Cakrasana/Urdhva Dhanurasana. Mit Hands-On-Techniken kann man Menschen sehr schön auf einer weiteren Sinnesebene erreichen, neben der verbalen durch die Sprache kann man so taktile Reize setzen. Ich erlebe häufig, dass es hilft, auf verschiedenen Sinnesebenen angesprochen zu werden. Ob man Hands-On-Techniken und Hilfestellungen verwendet, ist immer eine persönliche Entscheidung als Yogalehrender. Das hängt vorwiegend davon ab, welche Kompetenzen und Fähigkeiten, welche persönlichen Stärken und Vorlieben die Lehrenden mitbringen.

Du bist Yogalehrer, und hast als Yogalehrer noch eine Ausbildung zum Physiotherapeuten gemacht. Das finde ich ungewöhnlich, ich kenne es eher umgekehrt, Physiotherapeutinnen, die noch eine Yoga-ausbildung dazumachen, weil sie auch ein spirituelles Angebot machen oder sich noch weiterentwickeln möchten. Kannst du deine Motivation von damals beschreiben, den umgekehrten Weg zu gehen, dich also noch so profund in die Anatomie hineinzuarbeiten? 

Ich wollte Yoga auf eine andere Weise verstehen und auf eine profunde Basis setzen: Ich war der Überzeugung, dass ich mit der Ausbildung zum Physiotherapeuten eine Grundlage schaffe, Yoga-Praktiken von innen zu durchdringen, sozusagen Haltungen und Bewegungen von innen „lesen“ zu lernen. Außerdem sah ich das große gesundheitsförderliche und therapeutische Potential von Yoga.

Mich fasziniert die Kombination von Yoga mit einem Gesundheitsberuf, beziehungsweise speziell der Physiotherapie – nach deren Verständnis Bewegung selbst das Heilmittel ist. Das ist für mich voll aufgegangen: im Yoga-Unterricht gebe ich gesundheitsförderliche Impulse und in der Physiotherapie nutze ich häufig Yoga als Therapieform.

Wo macht Hands-On durch Yogalehrende Sinn und wo sollten sie lieber – in dem Fall – die Hände davon lassen?

Grundsätzlich ist Hands-On sehr vielfältig und geht von Hand auflegen – um Spür-Impulse zu setzen – bis zu komplexen Hilfestellungen, die viel Erfahrung und Kompetenz erfordern. Ich bin daher überzeugt davon, dass Jeder und Jede Yogalehrende Hands-On-Techniken lernen und anwenden kann. Gleichzeitig gibt es klare Grenzen, und zwar immer dort, wo Teilnehmende nicht einverstanden sind oder wo Hilfestellungen bei anspruchsvollen Asanas mit potenziellem Verletzungsrisiko nicht sicher beherrscht werden. Wichtig ist, dass die oder der Yogalehrende sich in dem Moment mit der Technik sicher und wohl fühlt – und genau diese Sicherheit und ein Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten möchte ich in meinem Seminar vermitteln.

Achtsam und Gegenwärtig adjusten, das ist ein Anliegen von dir: das klingt ja schon nach einer spirituellen Übung.

Jede Form von Achtsamkeit oder Gegenwärtigkeit ist immer auch eine spirituelle Übung, wie ich finde: man ist offen für den gegenwärtigen Moment und lässt sich inspirieren. Ich bin offen dafür, was sich mir in diesem Moment offenbart, das ist für mich eine Form von Bewusstheit, Geist, Spirit.

Ein anderer Aspekt von Spiritualität ist für mich die Verbundenheit, also mit sich selbst verbunden bleiben, und gleichzeitig offen für alle Signale der übenden Person zu sein, um in eine Verbindung mit dieser Person zu kommen. Über das Mechanische hinaus nehme ich mein Gegenüber als Jemand wahr, nicht als Etwas.

Danke für das Gespräch!

 

Zur Person

Peter Greve

Peter Greve ist Yogalehrer BDYoga/EYU, Physiotherapeut und Referent in Yoga Aus- und Weiterbildungen. Mehrere Aufenthalten bei Pattabhi Jois in Indien, Studium der Indischen Philologie, Ausbildung in Physiotherapie. Sein Ansporn: Bewegung als Heilmittel besser verstehen und für Yoga nutzbar machen. Für Peter ist Yoga ein Selbsterfahrungsweg, der das Potential hat, Kreativität, Expressivität und Teilhabe zu ermöglichen. Peter unterrichtet seit 1994 Yoga. 

Alignment, hands-on Techniken, Peter Greve