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Wie esoterisch ist Yoga?

Die Diskussionen über die Sinnhaftigkeit der Corona-Maßnahmen befeuern auch die Auseinandersetzung über die Position des Yoga ganz allgemein. Ist Yoga Sport? Ist Yoga Esoterik? In diesem Gespräch zwischen Alexandra Eichenauer-Knoll und Dirk Glogau geht es um die Frage, ob es eine Abgrenzungsproblematik vom Yoga im Westen zum Begriff Esoterik gibt.

 

Alexandra: Lieber Dirk! Im Ö1-Radiojournal „Religion und Gesellschaft“ vom 3. Februar 2021 erschien ein Beitrag über eine Corona-Demo und die Impfskepsis in der Esoterikszene. Dabei fiel auch zweimal der Begriff Yoga. Ein Mitglied von Yoga Austria-BYO meldete sich daraufhin bei uns und meinte, wir sollten Stellung beziehen. Es wird also als problematisch und möglicherweise auch als imageschädigend empfunden, wenn Yoga in diese Szene jetzt mit hineingezogen wird. Du hast den Beitrag auch gehört? Was meinst Du?

Dirk: Der Rundfunkbeitrag „Von Impfneid bis Impfpflicht“ hat Yoga nicht zum Thema und beschäftigt sich diesbezüglich auch nicht weiter mit entsprechenden Argumentationen. Von daher gibt es hier auch keine wirklichen Thesen, die weiter untersucht werden sollten. Allerdings wird Yoga hier beiläufig erwähnt und in den Bereich der Esoterik und der heterogenen Szene, die auf Corona-Demos zu beobachten ist, gestellt. Die Thesen:

– Yoga ist eine esoterische Geheimlehre, die Yogapraktizierenden vermeintlich Erkenntnisse ermöglicht, die auch in der Corona-Leugner- und Querdenker-Szene anzutreffen sind.

– Yoga ist ein Mittel, um Gesundheit und Reinheit – wie auch immer die hier zu verstehen ist – zu fördern sowie das Immunsystem zu stärken. Diese Idee sei auch ein Argument für Impfgegner.

Diese Thesen möchten wir so nicht im Raum stehen lassen.

Alexandra: Richtig! Wir nehmen das also zum Anlass, gemeinsam darüber nachzudenken und ein paar Begriffe für uns als Verband Yoga Austria-BYO klarzustellen. Beginnen wir mit der These „Yoga sei Esoterik, weil er auf altem Geheimwissen beruht“. Ich sage dazu: ja und nein. Ja, weil Yoga sich natürlich auf alte Schriften beruft und dieses Wissen früher von Meister zu Schüler weitergegeben wurde. Was aber auch bedeutet, dass die jeweilige Erfahrung des Meisters ebenfalls über die Jahrhunderte weitergegeben wurde, oder? Und nein, weil ich als Yogalehrerin im Westen mit einer westlichen Ausbildung mein Wissen aus Büchern habe und wir mit zeitgemäßen Erkenntnissen aus der Physiotherapie, Spiraldynamik, Rückenschule etc. und jetzt vielleicht auch aus der Neurowissenschaft unterrichtet werden. Nicht nur das, ich sehe es auch als unsere Verpflichtung an, uns weiterzubilden und wissenschaftliche Erkenntnisse ernst zu nehmen. Wie siehst Du das?

Dirk: Zur Idee, Yoga sei Esoterik: Esoterisches Wissen ist eine Geheimlehre, in die nur ausgewählte Eingeweihte eingewiesen werden und die im Gegensatz zum exoterischen Wissen der Gesellschaft nicht zur Verfügung steht und einen gewissen elitären Kreis hervorhebt. Die Geschichte der Vermittlung des Wissens rund um Yoga, Samkhya und Vedanta in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden hat viele Aspekte, ist aber aus der Perspektive des modernen Yoga eher von historischer Bedeutung. Seit der Renaissance des Yoga in Indien im 20. Jahrhundert und der daraus resultierenden Verbreitung des Yoga über mehr oder weniger die ganze Welt stellt sich die Situation gänzlich anders dar. Beschränken wir unsere Betrachtung der Einfachheit mal auf Mitteleuropa: hier ist doch Yoga heute alles andere als Geheimwissen. Der Zugang zum Yoga ist für praktisch alle interessierten Menschen offen. Es gibt zahlreiche, oft gut qualifizierte Yogalehrende, Kurse von Volkshochschulen, anderen öffentlichen Trägern, Fitness- und Gesundheitszentren und natürlich jede Menge Angebote von Yogalehrenden. Literatur zu Yoga füllt in Buchhandlungen und Bibliotheken umfangreiche Regalblöcke und im Internet sind auch viele seriöse Quellen zu finden.
Kein Wunder, dass die Teilnehmerzahlen in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind. Der BDY bezieht sich auf eine Studie aus dem Jahre 2014, wenn er schätzt, dass Yoga-Praxis für jede/n fünfte/n Deutsche/n in Betracht kommt, als Praktizierende und als Interessenten. In Österreich wird es ähnlich sein.
Wer sein Yogawissen darüber hinaus vertiefen möchte, kann eine Yogalehrausbildung machen. Die international anerkannte Ausbildung von Yoga Austria-BYO geht beispielweise berufsbegleitend über vier Jahre und entspricht vom Aufwand her einem Bachelor-Studiengang. Inhalte sind dabei auch moderne medizinische Grundlagen, Psychologie und Pädagogik.

Alexandra: Danke für diese Ausführungen! Gehen wir nun zur nächsten These: das Reinhalten des gesunden Körpers, eines der fünf Niyamas (Anm: moralischen Verhaltensempfehlungen auf dem Weg nach Innen) ist sauca, die Reinheit. Es gibt spezielle Reinigungstechniken im Yoga, die kriyas. Und viele, ganz allgemeine Ansagen im Yogaunterricht, haben irgendwie mit dem Thema Reinigung zu tun, z. B. der Atem bringt etwas in Fluss, man wird ermutigt Altes loslassen etc. Das tut gut. Darum kommen die Menschen zu uns. Im moralischen Sinn wird sauca als eine innere Reinigung verstanden, in der Bedeutung von Abstand nehmen zum Alltag, auch Abstand nehmen von unseren Gedankenspiralen oder unseren Emotionen. Es ist also auch eine Frage der Ethik, sich nicht mit sich selbst zu identifizieren, sondern mit Demut und Hingabe zu üben.
Kurz gesagt: das Thema Reinheit kann im Yoga vielseitig ausgelegt werden und das ist auch gut so. Im Ö1-Bericht wurde allerdings der Begriff „ Volkskörper“ verwendet, also eine Tendenz in einer gewissen Esoterikszene, die mit faschistischen Begriffen spielt. Das ist natürlich etwas, wogegen wir uns strikt verwehren möchten. Wir üben nicht Yoga, weil wir unseren heilen Volkskörper schützen wollen, der so suggeriert dieses Wort, auch noch wertvoller ist, als andere Körper auf dieser Welt.
Leider gibt es auch eine unselige Beziehung zwischen Yoga und Nationalsozialismus. Mathias Tietke hat dazu ein interessantes Buch geschrieben: „Yoga im Nationalsozialismus“ (Verlag Ludwig, 2011). Ich denke, das sollte man einfach wissen. Es gibt nichts zu beschönigen und genau deshalb sollten wir hier auch vorsichtig sein und eine klare Position beziehen. Wie siehst Du das?

Dirk: Das Thema Reinheit und Gesundheit spielt traditionell und auch heute eine zentrale Rolle im Yoga. Dabei beziehen wir uns nicht speziell auf den Körper. Yoga verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und sieht die Wirkung nicht nur auf der körperlichen, sondern auch auf den „energetischen“ und mentalen Ebenen. Dabei spielt die dem Yoga immanente Ethik eine ganz besondere und herausragende, zentrale Rolle. Es gilt, liebevolle Zuneigung und selbstloses Mitgefühl allen Wesen gegenüber zu kultivieren und Gewaltlosigkeit aus dem Innersten heraus zu leben. Leider wurden und werden Yoga und seine Quellentexte immer wieder ideologisch zweckentfremdet und missbraucht.

Alexandra: Das Thema Reinheit ist mit dem Begriff Immunsystem verknüpft. Die These: Yoga hält den Körper rein und das Immunsystem stark und dadurch wird eine Impfung überflüssig. Für mich stellen sich da verschiedene Fragen: Was ist meine persönliche Entscheidung und was gebe ich den SchülerInnen als Yogalehrerin weiter und wieweit kann ich überhaupt für solche Aussagen die Verantwortung übernehmen?
Wir wollen hier als Verband keine Empfehlungen für oder gegen das Impfen aussprechen, aber wir müssen differenzieren, wie es bei anderen Krankheiten gleichfalls gemacht wird. Ich habe mir z. B. einige Probleme “weggeatmet“, vor allem Probleme mit dem Magen. Ich ermutige die Schüler zum Hineinspüren und zum Früherkennen von Blockaden, aber ich würde nie sagen, geht nicht zum Arzt! Ich bin keine Therapeutin, ich bin Pädagogin. Die eigene Erfahrung ist ernst zu nehmen, aber lässt sich nicht eins zu eins auf andere übertragen. Was ist Deine Sichtweise?

Dirk: Eine regelmäßige Yogapraxis – Körperübungen, Atemübungen, Meditation aber auch Yoga im Alltag, also das Leben der dahinterstehenden Ethik, hat zahlreiche positive Wirkungen auf uns Menschen. Hierzu gibt es inzwischen zahlreiche wissenschaftliche Studien. Und interdisziplinäre Diskurse wie die Psycho-Neuro-Immunologie und die Psycho-Neuro-Endokrinologie gehen genau in die gleiche Richtung und erforschen eben diese Wirkmechanismen der verschiedenen Ebenen unseres Mensch-Seins. Seit einigen Jahren werden Yogakurse in Deutschland als Präventionskurse seitens der gesetzlichen Krankenkassen gefördert. Das hatte und hat zur Folge, dass Yoga immer mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen und aus der „esoterischen Ecke“ herausgekommen ist. Yoga wird heute immer mehr im ambulanten und stationären medizinischen Umfeld eingesetzt. – Von der Psychosomatik, Dermatologie bis zur Onkologie, um nur drei Beispiele zu nennen.
Aber ganz klar: Yoga ist keine Alternative zu nach heutigem Kenntnisstand sinnvollen und erforderlichen therapeutischen medizinischen Maßnahmen. Yoga kann hier als effiziente Komplementärtherapie eingesetzt werden und wird sicherlich in Zukunft in vielen Bereichen noch eine größere Rolle spielen. Ich kann nur versuchen, alle Yogalehrenden dafür zu sensibilisieren, wo unsere Grenzen sind. Wir sind keine Ärzte, wir können und dürfen keine Diagnosen stellen und Therapien verordnen und wir können nicht wirklich die Verantwortung dafür übernehmen, den uns vertrauenden Teilnehmenden Yogaübungen als Alternative zu notwendigen schulmedizinischen Behandlungen anzubieten.

Alexandra: Danke für das Gespräch!

Liebe Leserinnen und Leser, wir freuen uns selbstverständlich auch über Eure Meinungen und Eure Impulse. Nachrichten an uns bitte an: impulse@yoga.at

 

Corona, Esoterik, Geheimwissen, Yoga