Traumasensibel Yoga unterrichten:
Von Achtsamkeit und der Wahl der richtigen Worte

Jeder dritte bis vierte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens ein Trauma. Das bedeutet, dass Yogalehrende damit rechnen müssen, dass in praktisch jeder Yogastunde eine traumatisierte Person teilnimmt. Wie man solche Teilnehmer/innen erkennen und den Yoga-Unterricht „traumasensibel“ gestalten kann, erklärte Judith Kirchmayr-Kreczi in einem Fortbildungs-Workshop zu diesem Thema im Jänner in Linz.

Judith, wie kann man erkennen, dass ein/e Teilnehmer/in traumatisiert sein könnte?
Judith Kirchmayr-Kreczi: In den meisten Fällen gar nicht. Das Erkennen einer Traumatisierung ist auch nicht Aufgabe des Yogalehrers, der Yogalehrerin!  Hinweise könnten allerdings sein, dass jemand ein besonders lautes, herausforderndes oder selbstdarstellendes Verhalten zeigt – oder das genaue Gegenteil, nämlich ein besonderes stilles und wie „nicht anwesend“ wirkendes. Manchmal kommt es auch zu plötzlichen Affektausbrüchen ohne ersichtlichen Grund, oder die traumatisierten Teilnehmer/innen führen Asanas nur teilweise oder sehr eigenwillig aus, etwa indem sie in der Vorbeuge den Kopf nicht senken, nicht in Rückbeugen gehen wollen, oder in Shavasana niemals die Augen schließen.

Wie entsteht ein Trauma, und auf welche Weise kann es in einer Yogastunde getriggert werden?
Judith Kirchmayr-Kreczi: Ein Trauma entsteht, wenn jemand sich einmalig oder wiederholt in einem als (lebens-)bedrohlichen erlebten Zustand als hilflos oder ohnmächtig erlebt hat. Trauma hat immer auch etwas mit Kontrollverlust zu tun, zum Beispiel beim Erleben oder Wahrnehmen von Unfällen, körperlicher bzw. sexueller Gewalt, Kriegsszenarien etc. Betroffene erleben meist nie wieder einen völlig unbelasteten Zustand von Sicherheit und Entspannung. Manche sind überwach (Hypervigilanz), andere chronisch erschöpft. Manchen fällt die Regulierung von Nähe und Distanz schwer, bei anderen ist das Erleben von Raum und Zeit gestört. Viele traumatisierte Menschen leiden unter körperlichen Taubheitsgefühlen oder Schmerzen, etwa einem permanenten Druck auf der Brust oder Erstickungsgefühlen, immer verbunden mit dem Gefühl, nichts dagegen tun zu können.
Häufig werden einzelne Elemente der traumatischen Erfahrung dissoziiert, das heißt, sie werden getrennt vom tatsächlichen Erlebnis abgespeichert. Das kann ein bestimmter Geruch sein, eine Lichtintensität, ein Tonfall, einzelne Worte oder eine quietschende Tür. Genau diese Elemente fungieren dann als Trigger und können ein Flashback auslösen.
Speziell im Yoga-Unterricht könnten solche Trigger zum Beispiel große Hitze sein, oder schwer atmende Menschen in nächster Nähe, oder auch Gurte oder andere Hilfsmittel, die die Bewegungsfreiheit einschränken, genauso wie Berührungen (Assists) durch den/die Yogalehrende/n ohne vorherige Ankündigung. Auch sehr starre Anleitungen zu Asanas, die keine Freiräume lassen, die Aufforderung, über Grenzen zu gehen oder ermunternd gemeinte Formulierungen wie „Mach das, wovor du dich am meisten fürchtest!“, können zum Wiederaufleben unerwünschter innerer Zustände führen.

Worauf können Yogalehrende bei der Gestaltung des Unterrichts achten, damit es nach Möglichkeit nicht zu einem solchen Flashback kommt?
Judith Kirchmayr-Kreczi: Grundsätzlich ist es sinnvoll, räumliche und zeitliche Orientierung zu geben, zu Beginn der Stunde explizit zu erlauben, dass die Teilnehmer/innen den Raum bei Bedarf verlassen, einen groben zeitlichen Ablauf zu skizzieren, bzw. in lang gehaltenen Asanas, etwa im Yin Yoga, auf die Länge der Übung hinzuweisen. Darüber hinaus sollte das Licht niemals ganz ausgeschaltet und das Dimmen des Lichts angekündigt werden. Auch Berührungen, etwa bei Assists, sollten angekündigt bzw. sollte die Erlaubnis dazu eingeholt werden. Falls mit Geräuschen aus Nebenräumen oder von Draußen zu rechnen ist, kann es Sinn machen, sie zu Beginn der Stunde zu thematisieren.
Ganz wichtig ist auch die Wahl der Worte. Hier ist vor allem darauf zu achten, dass die Anleitungen so formuliert sind, dass die Teilnehmer/innen nicht das Gefühl haben, zu etwas gezwungen zu sein und die Kontrolle zu verlieren. Hilfreich sind zum Beispiel Formulierungen wie: „Möglicherweise möchtest du…“, „Experimentiere mit …“, „in deinem eigenen Rhythmus“ oder „wenn es für dich stimmt“. Auch Ruhehaltungen als Alternativen zu Asanas, die jemand nicht mitmachen will oder kann, sollten gezeigt werden, wie Tadasana, Balasana oder Shavasana.

Und wenn nun trotz aller Vorsicht ein ungewollter innerer Zustand bei einer/einem Teilnehmer/in getriggert wird – wie soll man sich als Yogalehrende/r verhalten?
Judith Kirchmayr-Kreczi: Zuallererst kann man Blickkontakt aufnehmen und versuchen, nonverbal herauszufinden, ob der/die Betroffene im Raum bleiben möchte oder nicht. Dann eventuell kurz nachfragen, ob er/sie etwas braucht, eine kurze Pause oder einen Schluck Wasser anbieten, ansonsten aber nach Möglichkeit den Unterricht nicht unterbrechen.
Nach der Stunde kann man auf den/die Teilnehmer/in zugehen und noch einmal fragen, ob alles in Ordnung ist. Ganz wichtig ist dabei jedoch, bei der Rolle der/des Yogalehrenden zu bleiben. Es spricht nichts dagegen, beruhigende Atemübungen etc. anzubieten, aber die Besprechung eines Traumas gehört nicht in die Yogastunde und auch nicht in die Zeit davor und danach – und schon gar nicht dessen Behandlung!

Die Fragen stellte Laya Commenda, Journalistin und Gründerin der yogalounge in Linz.

Judith Kirchmayr-Kreczi ist Yogalehrerin und -therapeutin, Tanzpädagogin und international zertifizierte Lehrerin der Alexander Technik. Sie arbeitet und lehrt seit über 20 Jahren im psychosozialen Feld als Lebensberaterin und Coach mit körpertherapeutischem Fokus. Opens external link in new windowhttp://judithkirchmayr.at/